Titus Andronicus war ein berühmter römischer General. Ein Betonmensch mit stählernem Brustkorb. Ein Held.
Titus Multekutte ist kein Held. Seit 13 Jahren ist er Sohn eines Metzgers und wurde nach dessen Lieblingsschwein benannt. In seinem Leben ist vieles schief gelaufen. Er wächst ohne Mutter auf, seine Oma ist gestorben.
Gott sei Dank gibt es Tina. Tina ist ein Wunder. Doch diese Beziehung darf nicht sein und jetzt steht er auf dem Dach seiner Schule und will springen. Unten versuchen seine Mitschüler, Lehrer und sein Vater, ihn von seinem Vorhaben abzubringen - vergeblich. Bevor Titus springt, rechnet er ab. Er ist zwar nicht Titus Andronicus. Aber auch er kann kämpfen. Er braucht dazu kein Schwert, er hat andere Waffen: seine Sprache, seinen Witz, seine Illusionen und Tagträume. Er reiht seine Feindbilder auf wie ein gegnerisches Heer, jene Erwachsenen, die ihn an den Abgrund getrieben haben: Vater, Lehrer Masucks, Psychologe Dr.Tiefenthal, Tinas Mutter. Mit seinen Sprachpfeilen zielt er auf deren Schwachstellen, zeichnet mit wenigen Strichen Karikaturen, macht seine Widersacher klein, hält sie sich so vom Leib. Er verschont niemanden, auch nicht sich selbst. Titus der Rächer.Doch immer wieder bricht er ein. Da ist niemand, dem er sich anvertrauen kann. Sein Vater schickt ihn zum Psychiater, statt sich seiner Probleme anzunehmen. Überhaupt ist sein Vater ein totaler Fehlgriff. Selber überfordert sucht er bei seinem Jungen Verständnis und Gehör. Aber wie tröstet man einen Vater?
Immer wieder katapultiert sich Titus aus seinen Erinnerungen heraus, verzerrt sie ins Absurde und Groteske. Weil die Wahrheit manchmal langweilig ist und das Leben hart, erfindet Titus sich und sein Leben neu, füllt die weissen Wände seiner Einsamkeit mit Schlagwörtern, malt die Leerstellen in schillernden Farben.
Es darf aber nicht sein, was Titus sich wünscht. Und darum steht er oben. Seine Wut wächst und überflügelt Leid und Selbstmitleid. Es kommen ihm Zweifel an seinem Vorhaben. Auch wenn die Vorstellung vom Leben und die Wirklichkeit sich sehr unterscheiden. Etwas Besseres als den Tod findet man überall.
Es gibt nur allzu viele Jugendliche, die unter Einsamkeit, Vernachlässigung, Unverständnis durch Erwachsene und Lieblosigkeit leiden. Sie sehnen sich nach Zuneigung und Aufmerksamkeit und kompensieren den Mangel daran durch Aufmüpfigkeit, Illusionen und Träume. Zum Beispiel Titus.