Mathilde hat ihre jüngere Schwester Zus bei einem Unfall verloren und ist dabei, diesen Verlust zu verarbeiten. Ihre Eltern, selbst überfordert, kommen mit der Art, wie ihre Tochter mit dem Verlust umgeht, nicht zurecht.
Mathilde wird jede Nacht von Zus besucht. Zus ist zwar seit vierzig Tagen nicht mehr am Leben, aber für Mathilde ist sie noch da, als Gesprächspartnerin, als Spielkameradin. Sie spricht mit ihr, spielt mit ihr die alten Spiele, sucht Trost.
Zus will, dass die Schwester aufhört zu trauern. In dieser letzten gemeinsamen Nacht versucht sie, Mathilde erleben zu lassen, dass niemand und nichts ihre Gemeinsamkeit zerstören kann, wenn sie sie selbst nicht zerstören.
Am Ende können sie sich verabschieden, ohne sich zu trennen. Sie wissen, jede bleibt bei der anderen.
Trennung und Abschiednehmen sind Urthemen des Menschen, also auch für Kinder. Es gilt, einen Umgang mit Verlust und Abschied zu finden, bei dem das Erlebte fortbestehen kann. Aus der Sicht der Lebenden werden Verlust und Trennung oft als etwas Endgültiges, Absolutes empfunden und beklagt. Mathilde und Zus schaffen es, neue Formen des Zusammenseins zu finden und vor allem auch zu akzeptieren.
Die Stückvorlage etabliert eine musikalisch-tänzerische Ebene. Da, wo die Wortsprache nicht mehr ausreicht, um Sehnsüchte, Wünsche, Ängste, Erinnerungen der beiden Stückfiguren auszudrücken, gibt es musikalische Räume. Diese sind szenisch wie tänzerisch-choreographisch umzusetzen und einzubinden in den Erzählfluss. Gleichzeitig schafft das Nähe zum Publikum, das sich mit eigenen Phantasien in die Erlebniswelten der Schwestern einschalten kann.
Thematisch wie theatral stellt die Inszenierung für die Altersgruppe ab 10 Jahren eine Herausforderung dar. Erfahrungen mit dem jungen Publikum zeigen, dass die Bindung der Bühnengeschichte an Realitätserfahrungen der Kinder ihnen den Einstieg ermöglicht in eine neue, fremde, andere Welt. Die Geschichte schafft einen Rahmen, in den Assoziationen und Erfahrungen des Publikums einfliessen können wie z.B. Geschwisterspiele und Geschwisterkämpfe, nicht Verstanden Werden von den Eltern, Sehnsucht nach Geborgenheit, das Recht auf ein eigenes Dasein.
Dies ist die Voraussetzung dafür, aus einem starken Aufführungserlebnis heraus auf Fragen gestossen zu werden, die über das Bekannte hinausgehen:
Wie geht man wirklich mit Verlust und Abschied um (statt ihn zu verdrängen oder zu überspielen)?
Wie findet man einen ganz eigenen Weg, um aus dunklen Ecken des Lebens, aus Enttäuschungen und Verletzungen wieder herauszufinden?
Welche Verantwortung hat man für das eigene Leben sowie für das nahestehender Menschen?
Woran macht sich die Gemeinsamkeit mit anderen Menschen tatsächlich fest?
Wie kann man Emotionen zulassen, ohne sich dafür zu schämen, ohne ins Abseits zu geraten?
Über derartige Fragen mit dem jungen und älteren Publikum in einen Dialog zu kommen bzw. diesen zu befördern, sind Beweggründe für eine Spielplanposition, die alle fordert.