NZZ, 27. Mai 2005
Beispielhaft: Schweizer Erstaufführung «Schwestern»
……. «Schwestern» ist ein berührendes (Lehr-) Stück zwischen Tragödie und Komödie, eine leichtfüssig schwerwiegende Unterweisung - in der Kunst des Trauerns. Mathilde (Anna-Lena Doll) fühlt sich schuldig am Unfalltod ihrer jüngeren Schwester Zus (Maria Spanring); seit 40 Nächten hält sie mit ihr Zwiesprache, bis sie darauf vertrauen kann, dass Zus’ Abschied keinen Verlust bedeuten muss (das Zielpublikum ist ab 9 Jahre alt!) Die Inszenierung arbeitet mit dem Ungestüm der Darstellerinnen, die mit ihrem Körper ausdrücken, was ihnen das Wort verbietet: den Wechsel zwischen Zorn und Zärtlichkeit. Dass diese Momente die bewegungssprachliche Begabung der Schauspielerinnen zeigen, ist für sie eine glückliche Chance. Ähnlich glücklich ist das Theatererlebnis für ein Publikum jeden Alters, das sich in seinem eigenen Erfahrungsbereich berührt fühlt. Die Zuschauer zu fordern, auch das gehört zum Auftrag des jungen Theaters.
Basellandschaftliche Zeitung, 5.Februar 2008
Mathildes Schuldgefühle machen die tote Zus frieren
Zus (Maria Spanring) ist vor vierzig Tagen von einem Zug überfahren worden. Als die Schranke schon geschlossen war, rannte Sie über die Geleise, um von ihrer Schwester ihren Stofftier Garfield zu holen › trotz der warnenden Schreie Mathildes (Anna-Lena Doll). Nun gibt sich diese die Schuld am Tod von Zus und erhält seither jede Nacht Besuch von ihr.
Gemeinsam versuchen Sie, den Trennungsschmerz zu bewältigen, tanzen zu ihren Lieblingsliedern und spielen ihr altes Spiel, das sie «Anstinken» nennen. Die eine beginnt mit einem Fluchwort, die andere wiederholt dieses und fügt ein neues hinzu. Oder sie erfinden spontan eine Geschichte und versuchen, sie vor dem anderen zu einem Ende zu führen.
Als Bühne (Martin Siegrist) fungieren zwei Betten, eines bezogen, das andere leer. Die Eltern der beiden halten Mathilde nämlich für verrückt und sind der Meinung, sie sollte möglichst nicht an ihre Schwester erinnert werden. Deshalb haben sie die Sachen von Zus verschwinden lassen. Dies ist allerdings ein Problem, denn immer wenn Zus kommt, friert sie ungemein und braucht «mehr als nur einen Pullover» zum Überziehen.
So erzählen die beiden Geschichten aus ihrem gemeinsamen Leben, streiten sich, versöhnen sich und versuchen irgendwie ihrer Verzweiflung Herr zu werden. Mathilde gibt sich nämlich die alleinige Schuld an Zus’ Tod und solange sie dies tut, wird Zus frieren. Am Ende verabschieden sich die beiden voneinander, über ihr Spiel haben sie das Geschehene erzählend abgeändert und so Mathildes Schuldgefühle nach bester psychotherapeutischer Tradition umerzählt und die Schuld in eine Rettungstat verwandelt.
Das Herrliche an diesem Abend ist zum einen diese einfache, anrührende Geschichte, die von den beiden Schauspielerinnen mit so viel Leben und Hingabe erzählt wird, dass einem die Tränen schlicht kommen müssen. Zum anderen ist es die Verspieltheit, das dauernde Hin und Her zwischen Euphorie und Verzweiflung, die den Zuschauer in ihren Bann zieht. Mit unglaublicher Körperlichkeit tanzen die beiden Absolventinnen der Schauspielschule Zürich über die Bühne, geraten sich in die Haare, lachen, weinen und scheitern doch immer wieder, teilweise zum Schreien komisch, an ihren Verdrängungsversuchen.
Regisseur Enrico Beeler ist es gelungen, diesen Text des Niederländers Theo Franzs auf sein ganzes tiefenpsychologisches Potential hin abzuklopfen und höchst plausibel sowohl einem jungen, als auch einem erwachsenen Publikum näher zu bringen. Die ewige Frage nach dem Tod und unserem Umgang mit demselben wird hier auf pointierte und sehr bewegende Weise thematisiert, ohne dass der Abend jemals träge, moralisch oder betrüblich würde.
Von dieser freien Gruppe, die sich Jetzt & Co nennt, und bei der auch die Dramaturgin der Schauspielschule Zürich, Petra Fischer, ihre Finger mit im Spiel hat, werden und wollen wir in Zukunft noch vieles Hören. Wie eine Leserbriefschreiberin nach der Premiere treffend bemerkte. Zu diesem Stück muss man sich äussern. Danke.
Tumasch Clalüna